2014/06

ISABELLE GABRIJEL: Idylle und Irritation

28. Juni bis 26. Juli 2014

© Isabelle Gabrijel

Fragen nach Zeit und Kontext leuchten weithin über dem Werk von Isabelle Gabrijel. In ihren großformatigen analogen Fotografien zeigt sie in die Jahre gekommene, skurril-schranzige Spielzeugfiguren in unerwarteten Konstellationen und Bühnenbildern inszeniert. Sie schöpft aus einem enorm vielfältigen Fundus von weit über 10.000 Figuren, die sie seit Jahren auf Flohmärkten und auf Reisen sammelt. Funktional und emotional längst abgehakt und der Vergangenheit überantwortet, kommen die Kindheitsbegleiter anonymer Vorbesitzer bei Isabelle Gabrijel zu einem neuen Auftritt.

Ein maskierter Superheld posiert siegessicher und mit Gummihandschuhen für alle häuslichen Eventualitäten bestens ausgerüstet vor einem Blumenmotiv, das ihn wie ein Heiligenschein krönt. Vielleicht feuert er von seiner bequemen Warte aus auch seine Teamkollegin an, die an der Frontline seinen Job erledigt und mit Jogginganzug und perfekt sitzender Frisur soeben ein Kind gerettet hat – von nichts, außer zu viel Idylle vielleicht. Was auf Manchen auf den ersten Blick wie Pop Art wirken mag, geht in Wirklichkeit weitaus tiefer und weist eine hohe Mehrdimensionalität auf. Der süßliche Kitsch der Figuren wird in den Fotografien ironisch-herb gebrochen, ihre nichtssagende Unschuld verkehrt sich zur erzählenden Tragikomödie. Das Kleine und Vergessene wird durch die unverhoffte Wiedergeburt, die neuen Bildwelten, in denen es nun wieder leben darf, und nicht zuletzt durch das Tableau-Format mit verstärkter Bedeutung aufgeladen. Es ist kein schönes Spielzeug mit perfektem Äußeren, sondern es sind lädierte Veteranen mit Historie.

Die “Erfahrungen”, die die Figuren gemacht haben, bilden ihre ganz eigenen Biografien, über die sie nicht selbst sprechen können und die wir nie erfahren werden. Isabelle Gabrijels Inszenierungen würdigen diese Erfahrungen dennoch, trotz ihres Nichtbekanntseins. Ähnlich einem biografischen Dramatiker oder Drehbuchautor schreibt die Künstlerin die Geschichten vergangener Persönlichkeiten für ein zeitgenössisches Publikum, reichert aber fade oder fehlende Fakten, ganz im Sinn der Storyline, mit freier Fiktion an. Wie die Geschichten ausgehen, bleibt jedoch schlußendlich der Fantasie des Betrachters überlassen.

Durch die Neuschreibung dieser Biografien mißt Isabelle Gabrijel den Figuren einen Wert zu, den sie in anderer Form verloren hatten. Der emotionale Wert, der für ein Kind an sein Spielzeug gekoppelt ist, wird hier durch einen philosophischen Wert ersetzt, der unsere Vorstellungen der Zeit hinterfragt. Das Ende ist nie einfach nur ein Ende, sondern gleichzeitig auch ein Anfang – es kommt immer etwas Neues, oft Unerwartetes. Wandel findet ununterbrochen statt. Die Rekontextualisierung der Figuren in neuen Konstellationen und Umfeldern erinnert auch daran, daß gerade die kleinen Dinge im Leben manchmal viel Bedeutung haben können. Es ist, wie so oft, eine Frage der Perspektive und des Kontextes, diese zu sehen.

© Novokolorit 2014

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